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Schule: Eigenverantwortung oder Gehorsam?

Schule: Eigenverantwortung oder Gehorsam?

Schule: Eigenverantwortung oder Gehorsam?

Kinder sollen Verantwortung übernehmen, selbstständig denken und für sich einstehen. In der Schule erwarten wir zugleich, dass sie tun, was Erwachsene festlegen. Was meinen wir also, wenn wir mehr Eigenverantwortung verlangen? Dass Kinder selbst überlegen und entscheiden – oder dass sie unsere Vorgaben erfüllen, ohne ständig daran erinnert werden zu müssen?

Kinder sollen Verantwortung übernehmen, selbstständig denken und für sich einstehen. In der Schule erwarten wir zugleich, dass sie tun, was Erwachsene festlegen. Was meinen wir also, wenn wir mehr Eigenverantwortung verlangen? Dass Kinder selbst überlegen und entscheiden – oder dass sie unsere Vorgaben erfüllen, ohne ständig daran erinnert werden zu müssen?

Kinder sollen Verantwortung übernehmen, selbstständig denken und für sich einstehen. In der Schule erwarten wir zugleich, dass sie tun, was Erwachsene festlegen. Was meinen wir also, wenn wir mehr Eigenverantwortung verlangen? Dass Kinder selbst überlegen und entscheiden – oder dass sie unsere Vorgaben erfüllen, ohne ständig daran erinnert werden zu müssen?

Ich bin Maurice Janich, Pädagoge und Visualisierungstherapeut. In diesem Beitrag geht es mir um einen Widerspruch, der Eltern und Kindern im Schulalltag begegnet: Wir wollen, dass Kinder selbst nachdenken. Wenn sie dann eine schulische Aufgabe hinterfragen, erwarten wir trotzdem häufig, dass sie aufhören zu diskutieren und sie erledigen. Ich möchte zeigen, wo die Aufforderung zur Eigenverantwortung zum Druckmittel wird und wie Kinder tatsächlich Gelegenheit bekommen, verantwortlich zu handeln.


Frage

Kurze Antwort

Ist das Erfüllen von Vorgaben schon Eigenverantwortung?

Selbstständig zu gehorchen ist noch keine Eigenverantwortung. Kinder müssen auch verstehen können, wozu eine Aufgabe dient, eigene Lösungen entwickeln und Einwände vorbringen dürfen.

Brauchen Kinder dafür völlige Entscheidungsfreiheit?

Nein. Auch eine vorgegebene Aufgabe können sie verantwortlich übernehmen. Entscheidend ist, dass die Anforderung sinnvoll und zu bewältigen ist und tatsächlicher Spielraum besteht, statt jeden Schritt vorzuschreiben.

Dürfen Kinder Anforderungen hinterfragen?

Ja. „Das müssen alle machen“ erklärt nicht, warum eine Aufgabe nötig ist. Erwachsene müssen auf den Einwand eingehen und ihre Entscheidung ändern, wenn er sich als berechtigt erweist.

Warum reicht „Du musst mehr Verantwortung übernehmen“ nicht aus?

Weil der Satz nicht klärt, woran es scheitert. Hat das Kind die Aufgabe verstanden? Kann es den Umfang bewältigen? Weiß es, wie es anfangen soll? Erst dann lässt sich entscheiden, was es selbst übernehmen kann und wo Unterstützung fehlt.

Welche Verantwortung haben Erwachsene?

Sie müssen prüfen, ob Aufgaben einem sinnvollen Zweck dienen, Umfang und Schwierigkeit zum Kind passen und Hilfe verfügbar ist. Unnötige Aufgaben sollten entfallen; bei Überforderung müssen die Anforderungen oder die Unterstützung verändert werden.

Was können Eltern konkret tun?

Dem Kind eigene Lösungsversuche ermöglichen und bei Fehlern gemeinsam nachbessern. Halten Eltern eine schulische Vorgabe selbst für unangemessen, sollten sie das Gespräch mit der Schule führen, statt den Konflikt allein dem Kind zu überlassen.


Wir entscheiden, was Kinder tun müssen – und verlangen von ihnen Eigenverantwortung

Kinder sollen ihre Materialien dabeihaben, Aufgaben erledigen und sich auf Klassenarbeiten vorbereiten. Wenn sie etwas vergessen, nicht rechtzeitig anfangen oder eine Aufgabe unerledigt bleibt, heißt es schnell: „Du musst mehr Verantwortung übernehmen.“

Gemeint ist dann zunächst: Das Kind soll selbstständiger dafür sorgen, dass es die schulischen Vorgaben erfüllt.

Bei einer Gruppenarbeit kann ein Kind verstehen, warum die anderen auf seinen Beitrag angewiesen sind. Es kann einen Teil übernehmen, Absprachen einhalten und rechtzeitig sagen, wenn es Unterstützung braucht. Auch wenn die Lehrkraft die Aufgabe gestellt hat, kann das Kind dabei verantwortlich handeln.

Die Selbstbestimmungstheorie unterscheidet zwischen Handeln unter Druck und Handeln aus persönlich anerkannter Überzeugung. Auch eine von anderen gestellte Aufgabe kann ein Kind für sinnvoll halten und aus eigener Überzeugung übernehmen. Selbstbestimmung setzt nicht voraus, alles allein zu entscheiden. Joussemet, Landry und Koestner, 2008

Wir wollen, dass Kinder selbst nachdenken. Dann dürfen wir nicht verlangen, dass sie unsere Aufgaben einfach hinnehmen.

In meiner Schulzeit sollten wir für die Schönschrift verschiedene Buchstaben jeweils zwanzigmal schreiben: zwanzigmal das H, zwanzigmal das J und so weiter. Ich hatte schon damals eine schöne Handschrift und sah nicht, was mir diese Wiederholungen bringen sollten. Also schrieb ich jeden Buchstaben einmal.

Die Rückmeldung meiner Lehrerin lautete sinngemäß: Aufgabe nicht erfüllt.

Ich wollte wissen, warum ich jeden Buchstaben zwanzigmal schreiben sollte, wenn ich ihn bereits sauber schreiben konnte. Außerdem schrieb ich diese Buchstaben ohnehin in Wörtern, Diktaten und anderen Aufgaben. Warum sollte ich dort nicht gleichzeitig auf meine Schrift achten? Für mich war das sinnvoller, sparte Zeit und machte mehr Spaß.

Vielleicht hatte meine Lehrerin einen Grund für die einzelne Buchstabenübung. Dann hätte ich erfahren müssen, was ich dabei noch lernen sollte. „Aufgabe nicht erfüllt“ beantwortete meine Frage nicht. Es sagte mir lediglich, dass ich die verlangte Anzahl nicht geschrieben hatte.

Aber selbstständig zu gehorchen ist noch keine Eigenverantwortung.

Wer eine Aufgabe vorgibt, muss prüfen, ob sie einem sinnvollen Zweck dient, ob Umfang und Schwierigkeit angemessen sind und welche Unterstützung das Kind braucht. Eine unnötige Aufgabe sollte entfallen. Ist sie zu schwierig, müssen wir sie in kleinere Schritte aufteilen oder dem Kind mehr Unterstützung geben.

Stell dir vor, du fängst mit Tennis an. Dein Trainer stellt dich gleich einem erfahrenen Turnierspieler gegenüber. Du bekommst kaum einen Ball zurück und weißt nicht, was du anders machen sollst. Würde dir dann helfen, wenn dein Trainer sagt: „Du musst mehr Verantwortung für deine Leistung übernehmen“? Du brauchst jemanden, der dir zeigt, wie es geht, und mit dir so übt, dass du Fortschritte machen kannst. Bei deinem Kind ist das nicht anders.

Wir können nicht die Entscheidungen für Kinder treffen und anschließend so tun, als liege es allein an ihnen, wenn die Umsetzung nicht klappt. Das Kind soll für seinen Beitrag einstehen. Wir müssen dafür einstehen, was wir von ihm verlangen.

Warum untersuchen wir das Kind, aber lassen die Anforderungen unverändert?

Stell dir vor, du übernimmst auf der Arbeit eine neue Aufgabe. Niemand arbeitet dich richtig ein, du sollst mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und die Zeit reicht hinten und vorne nicht. Du machst Fehler und kommst nicht hinterher.

Du würdest erwarten, dass jemand mit dir auf die Arbeitsbedingungen schaut: Was wurde dir erklärt? Ist das Pensum zu schaffen? Welche Unterstützung fehlt? Würde dein Vorgesetzter stattdessen ausschließlich vermuten, dass mit dir psychisch etwas nicht stimmt, wäre dein Einwand berechtigt: Schaut euch erst einmal an, was ihr hier von mir verlangt.

Diesen Blick brauchen wir auch bei Kindern.

Wenn ein Kind seine Aufgaben nicht bewältigt, sich nicht mehr konzentrieren kann oder morgens nicht zur Schule möchte, müssen wir untersuchen, unter welchen Bedingungen es lernen soll. Zu viele Aufgaben, fehlende Erklärungen, Zeitdruck oder Beschämung verschwinden nicht dadurch, dass wir das Kind untersuchen lassen.

Wir dürfen eine Überforderung nicht zum Defekt des Kindes erklären und die überfordernden Anforderungen stehen lassen.

Psychologische Unterstützung kann notwendig und hilfreich sein. Wenn ein Kind aber täglich mehr Aufgaben bekommt, als es bewältigen kann, muss die Schule das Pensum ändern. Daran ändert auch eine Diagnose nichts.

Wenn wir nur fragen, warum das Kind nicht zurechtkommt, behandeln wir die Anforderungen bereits als gegeben. Dann soll das Kind lernen, sie auszuhalten. Die Erwachsenen müssen an ihren Entscheidungen nichts ändern.

Deshalb gehört zur Verantwortung von Schule auch, eigene Anforderungen zurückzunehmen. Wenn das Pensum nicht zu bewältigen ist, muss es reduziert werden. Wenn Erklärungen fehlen, müssen sie gegeben werden. Wenn ein Kind beschämt wird, muss das aufhören.

Kinder sollen selbst denken – aber Erwachsenen nicht widersprechen?

Stell dir vor, dein Vorgesetzter verlangt einen Arbeitsschritt, den du für unnötig hältst. Du erklärst, warum, und schlägst eine andere Lösung vor. Seine Antwort: „Das wird hier so gemacht. Fangen Sie bitte an.“

Deinen Einwand hat er damit nicht beantwortet. Er hat darauf bestanden, dass du seine Entscheidung ausführst.

Auch bei Kindern können wir ein Gespräch so beenden: „Die Aufgaben müssen halt gemacht werden.“ Oder: „Jetzt trödel nicht so rum.“ Dann behandeln wir das Hinterfragen bereits als Zeitverschwendung. Das Kind soll aufhören zu diskutieren und endlich mitmachen.

Dabei wünschen wir uns, dass Kinder selbst nachdenken, Probleme erkennen und für ihre Überzeugung einstehen. Aber was passiert, wenn sie zu einem anderen Ergebnis kommen als wir? Darf ihr Vorschlag unseren Plan verändern? Oder dürfen sie nur so lange mitreden, bis wir unsere Entscheidung durchsetzen wollen?

Vielleicht hörst du deinem Kind zu und verstehst sogar seinen Einwand. Trotzdem sagst du: „Ja, ich weiß. Mach es jetzt bitte einfach.“ Du möchtest keinen Ärger mit der Schule, der Nachmittag ist schon anstrengend genug, und du siehst gerade keinen anderen Weg. Das erklärt deine Reaktion. Wenn dein Kind das wiederholt erlebt, kann bei ihm der Eindruck entstehen: Mein Einwand ist nachvollziehbar, aber ändern wird sich nichts.

Du wirst nicht jeden Vorschlag deines Kindes übernehmen. Wenn du bei deiner Entscheidung bleibst, musst du erklären können, warum. Hat dein Kind etwas erkannt, das du übersehen hast, gehört auch dazu, zu sagen: „Du hast recht. Das machen wir anders.“

„Du könntest das, wenn du nur wolltest“

Dein Kind sitzt an einer Aufgabe und kommt nicht weiter. Du hast sie schon mehrfach erklärt und wirst ungeduldig. Schließlich sagst du: „Du könntest das, wenn du nur wolltest.“

Damit behaupten wir, den Grund bereits zu kennen: Das Kind bemüht sich nicht genug. Ob es die Erklärung verstanden hat, einen Arbeitsschritt noch nicht beherrscht oder längst erschöpft ist, fragen wir nicht mehr.

Stell dir vor, du versuchst auf der Arbeit, ein neues Programm zu bedienen. Du gibst dir Mühe, machst aber immer wieder Fehler. Dein Kollege sagt: „So schwer ist das nicht. Du musst dich einfach mal konzentrieren.“ Du weißt noch immer nicht, wie es funktioniert. Jetzt musst du aber zusätzlich beweisen, dass du dich überhaupt anstrengst.

Ein Kind kann in eine ähnliche Situation geraten. Es soll eine Schwierigkeit bewältigen und sich gleichzeitig gegen den Vorwurf wehren, selbst daran schuld zu sein. Sagt es „Ich kann das nicht“, bekommt es zu hören: „Du willst bloß nicht.“

Wenn das wiederholt passiert, kann das Kind anfangen, an sich zu zweifeln: „Vielleicht bin ich wirklich faul. Vielleicht stimmt etwas mit mir nicht.“

In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Kinder, die sich selbst als faul bezeichnen. Oft zeigt sich schon nach wenigen Fragen, dass sie ihre Schwierigkeiten mit fehlender Anstrengung verwechseln.

Die Unterscheidung zwischen einer Rückmeldung zum Vorgehen und einem Urteil über die Person wurde auch experimentell untersucht: Bei fünf- bis sechsjährigen Kindern fanden Kamins und Dweck nach personenbezogener Kritik ungünstigere Reaktionen auf anschließende Misserfolge als nach prozessbezogener Kritik, darunter mehr Selbstbeschuldigung. Die Studie untersuchte kurzfristige Reaktionen in Rollenspielen; sie belegt nicht die langfristige Wirkung eines einzelnen Elternsatzes. Kamins und Dweck, 1999

Wir müssen deshalb bei dem bleiben, was wir beobachten können. „Du hast noch nicht angefangen“ beschreibt eine Situation. „Du willst dich nicht anstrengen“ unterstellt einen Grund.

Frag dein Kind: „An welcher Stelle kommst du nicht weiter?“ Lass es dir zeigen, wie es vorgeht. Dann könnt ihr herausfinden, was fehlt. Mit dem Vorwurf mangelnder Bereitschaft habt ihr das noch nicht geklärt.

Kinder brauchen Entscheidungen, die sie selbst treffen dürfen

Wenn wir möchten, dass Kinder Verantwortung übernehmen, müssen wir ihnen etwas überlassen, das sie tatsächlich beeinflussen können. Es reicht nicht, ihnen eine Aufgabe zu geben und anschließend zu kontrollieren, ob sie alles so gemacht haben, wie wir es uns vorstellen.

Nehmen wir das Packen des Schulranzens. Dein Kind vergisst immer wieder Materialien. Statt ihm jeden Abend alles einzeln anzusagen, könnt ihr gemeinsam überlegen: „Was würde dir helfen, selbst daran zu denken?“

Vielleicht möchte es eine Liste neben den Stundenplan hängen. Vielleicht die Sachen direkt nach den Hausaufgaben einpacken. Lass es einen eigenen Vorschlag ausprobieren, auch wenn du es anders machen würdest.

Wenn trotzdem etwas fehlt, schaut ihr, woran es lag. War die Liste unvollständig? Lag das Heft noch an einem anderen Ort? Muss der Ablauf verändert werden? Das Kind kann seinen Vorschlag überprüfen und verbessern. Dabei erlebt es, dass es selbst etwas verändern kann.

Eine eigene Lösung auszuprobieren bedeutet auch, Fehler machen zu dürfen, ohne dass Erwachsene sofort wieder alles übernehmen.

Zur Verantwortung gehört ebenso, die Folgen für andere zu beachten. Hat dein Kind beispielsweise zugesagt, Materialien für eine Gruppenarbeit mitzubringen, verlassen sich andere darauf. Vergisst es sie, kann es überlegen, wie es die Gruppe informiert und was es zur Lösung beitragen kann.

Du bleibst ansprechbar und hilfst, wo es nötig ist. Wie viel dein Kind bereits allein übernehmen kann, zeigt sich beim Ausprobieren. „Du wolltest das selbst machen, jetzt sieh zu“ würde ihm ausgerechnet dann Unterstützung verweigern, wenn es sie braucht.

Auch in der Unterrichtsforschung werden Autonomieunterstützung und hilfreiche Struktur als miteinander vereinbar untersucht. Eine Metaanalyse spricht für ihr Zusammenspiel: Orientierung und Unterstützung müssen nicht auf Kosten der Selbstbestimmung gehen. Die überwiegend beobachtenden Studien erlauben allerdings keine pauschalen Ursache-Wirkungs-Aussagen. Patzak und Zhang, 2025

Das Ziel ist, dass dein Kind zunehmend selbst planen, Schwierigkeiten erkennen und Lösungen finden kann. Dafür muss es üben dürfen – mit Entscheidungen, die du ihm auch dann noch zugestehst, wenn nicht alles sofort klappt.

Was tun, wenn du die schulische Vorgabe selbst nicht sinnvoll findest?

Vielleicht hältst du eine Aufgabe für unnötig und verlangst trotzdem, dass dein Kind sie erledigt. Du befürchtest Ärger mit der Schule oder möchtest ihm die Diskussion am nächsten Morgen ersparen.

Dann bleib deinem Kind gegenüber ehrlich. Du musst eine Vorgabe nicht als sinnvoll verteidigen, nur weil du dich gerade nicht traust, ihr zu widersprechen.

Du kannst sagen: „Ich finde auch, dass diese Aufgabe dir gerade nichts bringt. Ich habe aber Sorge, dass du morgen Ärger bekommst, wenn du sie nicht machst. Deshalb habe ich bisher darauf bestanden.“

Bevor du mit der Schule sprichst, lass dir von deinem Kind zeigen, was es tun soll und woran es sich stört. Geht es um eine Wiederholung, deren Sinn es nicht versteht? Um eine fehlende Erklärung? Oder sitzt es so lange daran, dass es zunehmend erschöpft ist? Frage auch, welche andere Lösung es selbst vorschlagen würde.

Mit diesen Beobachtungen kannst du dich an die Lehrkraft wenden. Statt nur zu sagen „Die Aufgabe ist sinnlos“, beschreibe, was du siehst, und frage nach dem Lernziel:

„Mein Kind kann die Buchstaben bereits sauber schreiben. Was soll es durch die zwanzig Wiederholungen zusätzlich üben? Könnte es Ihnen an einer kürzeren Schreibprobe zeigen, was es beherrscht, und anschließend beim Schreiben von Wörtern weiter darauf achten?“

Vielleicht erklärt die Lehrkraft einen Zweck, den ihr bisher nicht erkannt habt. Vielleicht zeigt sich, dass die Aufgabe für dein Kind angepasst werden kann. Entscheidend ist, konkret zu vereinbaren, was es künftig bearbeiten soll und woran ihr erkennt, ob die Änderung hilft.

Dabei macht es einen Unterschied, ob dein Kind eine Aufgabe langweilig findet oder regelmäßig weinend und erschöpft davor sitzt. Im zweiten Fall braucht es eine zeitnahe Klärung, wie es entlastet wird. „Das müssen alle machen“ beantwortet auch hier nicht, wie dein Kind das Pensum bewältigen soll.

Du kannst nicht jede schulische Vorgabe allein aufheben. Aber du kannst verlangen, dass ihre Auswirkungen auf dein Kind besprochen werden. Bleibt das Gespräch ohne Ergebnis, kannst du dich mit den konkreten Beobachtungen und deinem bisherigen Anliegen an die Klassenleitung oder Schulleitung wenden.

Dein Kind sollte den Konflikt mit einer schulischen Vorgabe nicht allein austragen müssen. Auch wenn du seinen Einwand nicht teilst, braucht es deine Unterstützung, um sein Anliegen vorzubringen und gemeinsam mit der Schule zu klären.

Besprich anschließend mit deinem Kind, was vereinbart wurde. Versprich ihm keine Änderung, die noch nicht feststeht. Sag ihm, was du erreichen konntest, was offenbleibt und welchen nächsten Schritt du übernimmst.

So sieht dein Kind auch an deinem Verhalten, was Verantwortung bedeutet: Du benennst ein Problem, triffst eine Entscheidung und kümmerst dich um die Folgen.

„Ich habe nur getan, was von mir verlangt wurde“

Wenn ein Erwachsener eine offensichtlich unsinnige oder schädliche Anweisung ausführt, reicht uns diese Erklärung nicht. Wir erwarten, dass er mitdenkt, die Folgen erkennt und gegebenenfalls widerspricht.

Bei Kindern müssen wir die Voraussetzungen dafür erst schaffen. Sie brauchen Erwachsene, mit denen sie Anforderungen prüfen, Entscheidungen treffen und aus Fehlern lernen können.

Wir können dagegen nicht jahrelang darauf bestehen, dass sie ihre Bedenken zurückstellen, und später erwarten, dass sie sich selbstverständlich gegen unsinnige Vorgaben stellen. Wo hätten sie das üben sollen, wenn ihr Widerspruch immer nur den Ablauf gestört hat?

Verantwortung zeigt sich auch darin, eine Zusage einzuhalten und eine unangenehme Aufgabe zu erledigen. Sie kann aber ebenso bedeuten, eine Zusage zu überdenken, auf eine Überforderung hinzuweisen oder eine Anweisung abzulehnen, die anderen schadet. Entscheidend ist, sich mit den Gründen und Folgen des eigenen Handelns auseinanderzusetzen.

Deshalb sollten wir uns fragen, was wir meinen, wenn wir einem Kind sagen: „Übernimm endlich Verantwortung.“

Wollen wir, dass es die Situation versteht und selbst überlegt, was zu tun ist? Oder wollen wir vor allem nicht mehr daran erinnern müssen, dass es unsere Vorgaben erfüllen soll?

Wenn wir Gehorsam erwarten, sollten wir ihn nicht Eigenverantwortung nennen.

Auf meiner kostenfreien Erste-Hilfe-Seite findest du Inhalte, die dich dabei unterstützen, dich selbst zu regulieren und mit deinem Kind umzugehen. Wenn du persönliche Unterstützung brauchst, um schulische Anforderungen einzuordnen, Konflikte mit deinem Kind zu verstehen und über das weitere Vorgehen zu entscheiden, findest du dort auch Informationen zu meiner 1:1-Begleitung.


Herzlichst,

Maurice Janich

Pädagoge & Visualisierungstherapeut

@KraftDeinerGedanken


Häufig gestellte Fragen

Muss ich jedem Nein meines Kindes nachgeben?

Nein. Ernst nehmen bedeutet, herauszufinden, was hinter dem Nein steht und die eigene Entscheidung daran zu prüfen. Eine Grenze kann bestehen bleiben, wenn sie sinnvoll und für dein Kind zumutbar ist – etwa weil sie andere schützt oder eine notwendige Absprache sichert. Dein Kind darf trotzdem anderer Meinung sein.

Was mache ich, wenn mein Kind eine Vereinbarung nicht einhält?

Schau zuerst mit ihm darauf, was passiert ist. War die Vereinbarung verständlich und zu bewältigen? Hat es etwas vergessen, fehlte Unterstützung oder hat es sich bewusst anders entschieden?

Besprecht anschließend, welche Folgen das hatte und was jetzt zu tun ist. So bleibt ihr beim konkreten Verhalten, statt das Kind insgesamt als unzuverlässig oder verantwortungslos zu bezeichnen.

Wie viel Eigenverantwortung kann ich erwarten?

Orientiere dich an der konkreten Aufgabe und daran, was dein Kind bereits bewältigen kann. Das Alter allein sagt nicht, ob es mehrere Arbeitsschritte planen oder sich über längere Zeit selbst organisieren kann.

Fähigkeiten wie Planung, Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeitssteuerung entwickeln sich über einen langen Zeitraum und brauchen Übung sowie passende Unterstützung. Center on the Developing Child, Harvard University

Beginnt mit einem überschaubaren Bereich. Vereinbart, welche Unterstützung verfügbar bleibt, und überprüft gemeinsam, ob der Umfang passt.

Wie spreche ich mit der Schule, ohne sofort einen Grundsatzstreit zu führen?

Bleib bei der konkreten Situation: Welche Anforderung besteht? Was berichtet dein Kind? Was beobachtest du zu Hause? Frage nach dem Zweck und danach, welche andere Lösung möglich ist.

Wenn die Antwort lediglich lautet, dein Kind müsse mehr Verantwortung übernehmen, bitte um eine Konkretisierung: Was soll es selbst übernehmen, welche Voraussetzungen braucht es dafür und welche Unterstützung erhält es?


Quellen und fachliche Einordnung

Die Kritik an der Gleichsetzung von Gehorsam und Eigenverantwortung ist die pädagogische Position dieses Beitrags. Die folgenden Quellen unterstützen die Unterscheidung zwischen kontrolliertem und selbstbestimmtem Handeln sowie die Bedeutung von Entwicklung, Unterstützung und Struktur. Sie belegen nicht, dass jede Schule gleich arbeitet oder bestimmte Erfahrungen zwangsläufig zu einem bestimmten Verhalten im Erwachsenenalter führen.

Meine Schulerfahrung und die Beobachtungen aus meiner Arbeit sind persönliche Erfahrungen, keine wissenschaftlichen Studien.

Joussemet, M., Landry, R. & Koestner, R. (2008).

A Self-Determination Theory Perspective on Parenting. Canadian Psychology, 49(3), 194–200.

Forschungsüberblick zur Unterstützung kindlicher Autonomie und zur Unterscheidung von Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und fehlenden Grenzen.

Volltext lesen

Patzak, A. & Zhang, X. (2025).

Blending Teacher Autonomy Support and Provision of Structure in the Classroom for Optimal Motivation: A Systematic Review and Meta-Analysis. Educational Psychology Review, 37, Artikel 17.

Systematische Übersicht und Metaanalyse zum Zusammenspiel von Autonomieunterstützung und Struktur im Unterricht.

Zur Veröffentlichung

Center on the Developing Child, Harvard University (2011).

Building the Brain’s “Air Traffic Control” System: How Early Experiences Shape the Development of Executive Function. Working Paper No. 11.

Forschungsüberblick zur Entwicklung von Fähigkeiten wie Planung, Aufmerksamkeitssteuerung und Arbeitsgedächtnis.

Zum Forschungsüberblick

Kamins, M. L. & Dweck, C. S. (1999).

Person Versus Process Praise and Criticism: Implications for Contingent Self-Worth and Coping. Developmental Psychology, 35(3), 835–847.

Zwei experimentelle Studien mit fünf- bis sechsjährigen Kindern zu personenbezogenen und prozessbezogenen Rückmeldungen sowie kurzfristigen Reaktionen auf anschließende Misserfolge. Die Veröffentlichung dient als ergänzender Hintergrund zum Abschnitt über Selbstabwertung.

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